Jamie
Jamie ist „nur“ ein Kaninchen.
Und genau deshalb kämpfen Tiere wie er oft doppelt.
Denn sobald Menschen hören, dass ein Kaninchen schwer neurologisch erkrankt ist, kommt häufig nicht zuerst Mitgefühl — sondern die Frage, ob sich all das überhaupt noch „lohnt“.
Jamie leidet an EC (Encephalitozoon cuniculi), einer neurologischen Erkrankung, die unter anderem Lähmungen, Koordinationsstörungen und massive Einschränkungen der Hinterläufe verursachen kann.
Viele dieser Tiere werden vorschnell aufgegeben.
Nicht immer, weil sie keinen Lebenswillen mehr haben.
Sondern weil Kaninchen oft noch immer als „kleine Haustiere“ gesehen werden, deren Leben weniger wert erscheint als das anderer Tiere.
Doch wer Jamie erlebt, versteht sofort, was für ein süßer, liebenswerter kleiner Kerl er ist.
Einer, der leben möchte.
Der sich bemüht.
Der kämpft.
Der trotz allem nicht aufgibt.
Jamie liebt es zu kuscheln — besonders an den Backen. Wenn ich ihn dort kraule, küsst er mich die ganze Zeit und fährt mit seiner kleinen Zunge immer wieder an meiner Hand entlang, als würde er jede Sekunde Nähe zurückgeben wollen.
Wenn er schläft, sieht man manchmal ganz kleine, süße Bewegungen in seinem Gesicht, als würde er träumen. Und jedes Mal fragt man sich, ob er vielleicht gerade davon träumt, wieder über die Wiese zu hoppeln, Gras zu fressen oder einfach unbeschwert Kaninchen sein zu dürfen.
Und wenn er sich sicher und geborgen fühlt, streckt er sich komplett aus. Diese kleinen Momente zeigen so deutlich, wie sehr er am Leben hängt und wie wohl er sich trotz allem noch fühlen kann.
Und genau deshalb zerreißt es einem das Herz, wenn man hört, dass ein Tier wie er vielleicht keine Chance bekommen soll — nur weil es „nur“ ein Kaninchen ist.
Jamie hat Vorlieben wie jedes andere Lebewesen auch.
Er liebt Dill.
Er liebt Petersilie.
Und für Knollensellerie oder Kohlrabi würde er am liebsten alles stehen lassen.
Er frisst unglaublich gut.
Er pieschert wieder gut.
Er köttelt wieder gut.
Und genau das sind die Momente, die Hoffnung geben.
Als Jamie bei mir ankam, war sein Zustand erschütternd. Sein Fell war so stark verfilzt, dass ich über einen Monat gebraucht habe, um ihn Stück für Stück davon zu befreien. Seine Augen waren massiv entzündet und voller Verkrustungen, der Nasentränenkanal war verschlossen und er bekam kaum Luft. Zusätzlich hatte er eine Lungenentzündung. Sein Zustand war insgesamt so schlecht, dass es sich wie eine einzige große Baustelle angefühlt hat.
Er brauchte unendlich viel Pflege, Zeit, Geduld und Aufmerksamkeit.
Ich habe in dieser Zeit mein eigenes Leben hinten angestellt, um ihm zu helfen.
Denn ein EC-Kaninchen bedeutet in schweren Phasen oft eine enorme Belastung und Pflege rund um die Uhr. Man muss immer wieder sauber machen, waschen, trocknen und föhnen, damit die Tiere nicht wund werden oder weiter abbauen. Wenn sie nicht selbstständig genug fressen, müssen sie gepäppelt werden. Medikamente müssen regelmäßig verabreicht und zusätzlich organisiert werden. Und gleichzeitig versucht man jeden einzelnen Tag, ihnen wieder Stabilität, Sicherheit und Lebensqualität zurückzugeben.
Es ist körperlich, emotional und finanziell eine riesige Herausforderung.
Und genau an diesem Punkt verlieren viele Tiere ihre Chance.
Nicht, weil sie aufgeben.
Sondern weil die Kräfte der Menschen irgendwann enden.
Jamie wurde ursprünglich von seiner Halterin mit viel Liebe versorgt und ich durfte die beiden bereits begleiten und unterstützen. Doch irgendwann wurde die Situation zu belastend. Nicht nur finanziell — vor allem die intensive Pflege während eines schweren EC-Schubs wurde kaum noch zu bewältigen.
Für Jamie hätte das vermutlich bedeutet, dass sein Weg dort endet.
Deshalb habe ich ihn ungeplant aufgenommen. Weil ich es nicht übers Herz gebracht habe, ihn aufzugeben, obwohl er selbst noch kämpft und sich so sehr bemüht.
Und genau das macht EC so besonders — und gleichzeitig so schwer.
Denn diese Erkrankung bedeutet nicht automatisch Hoffnungslosigkeit. Viele betroffene Kaninchen können sich mit Zeit, intensiver Pflege, Therapie und passenden Hilfsmitteln über Wochen oder sogar Monate hinweg erstaunlich verbessern. Fortschritte kommen oft leise. Millimeterweise. Aber sie kommen.
Aber auch mir fällt das nicht leicht.
Auch ich bin auf Unterstützung angewiesen.
Und trotzdem möchte ich Jamie partout nicht aufgeben.
Weil er jeden einzelnen Tag zeigt, dass er leben möchte.
Weil er sich trotz seiner Einschränkungen so sehr bemüht.
Weil er ein unfassbar lieber, sanfter kleiner Kerl ist, der einfach nur eine faire Chance verdient hat.
Während Hunde und Katzen mit Hilfsmitteln oft bewundert werden, müssen Halter von gehandicapten Kaninchen sich leider noch immer rechtfertigen oder werden belächelt, wenn sie ihren Tieren diese Chance geben möchten.
Dabei sollte niemals die Tierart darüber entscheiden, wie wertvoll ein Leben ist.
Für Jamie wünschen wir uns orthopädische Unterstützung bzw. individuell angepasste Hilfsmittel zur Stabilisierung, Mobilisierung und zum Muskelaufbau, damit er wieder sicherer stehen, sich besser bewegen und langfristig mehr Selbstständigkeit zurückgewinnen kann.
Jede Unterstützung bedeutet für Jamie:
mehr Sicherheit.
Mehr Beweglichkeit.
Mehr Lebensqualität.
Und vor allem: mehr Zeit.
Zeit, weiterzukämpfen.
Zeit, sich vielleicht Stück für Stück zurück ins Leben zu arbeiten.
Zeit, die ihm sonst vielleicht niemand gegeben hätte.
